Elfen Van Life Wolle

Wege aus der Angst

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Geschichten – Wie meine Seele mir in den Hintern trat

Warum bin ich so wie ich bin? Wer hat diesen Weg für mich ausgesucht? Ich? Ich weiß nichts, gar nichts und ich will auch nichts wissen, denn jedes Stück Wissen führt dazu, das ich noch unsicherer werde. Mein ganzes Wesen ist doch völlig gegensätzlich. Ich bin spontan und ängstlich zugleich, ich will frei sein und dennoch jemanden an meiner Seite, ich will fühlen und lassen gleichzeitig aber die Kontrolle behalten.

Wie bringe ich diese Gegensätze nur unter einen Hut, dabei möchte ich lediglich geliebt werden. Ist das so infam? Die Gegensätze sind es, die machen mich fertig, ich habe kein Ziel vor Augen, denn irgend etwas in mir zerrt mich mal in die eine mal in die andere Richtung. Jahrelang habe ich diese Tatsache ignoriert, habe versucht durch übermäßige Aktivitäten nicht sehen zu müssen aber dadurch ist nichts besser geworden. Immer noch fließt mein Leben dahin wie ein zäher Strom aus unbewältigten Problemen.

Wie lebt man? Gibt es irgendwo eine Art Benutzerhandbuch? Ich tappe im Dunkeln meiner Seele umher und versuche die Unendlichkeit zu ergründen. Aber weder dort noch in unzähligen esoterischen Werken finde ich die Anleitung für mein Leben. Welchen Weg muss ich gehen um endlich die Liebe zu treffen?

Aber wer will schon mit einem Skorpion zusammen sein, weder einem Mann noch einer Frau kann ich so etwas zumuten. Es sei denn, ich würde die skorpionischen Dämonen in den Griff bekommen. Kann man sich radikal ändern? Muss man erst sich selbst ändern, bevor sich die Umwelt ändert? Ja ich bin Besitz ergreifend und ich lebe nach dem Motto all or nothing, lässt sich das vereinbaren mit der wahren Liebe?

Aber egal, alles lamentieren hilft nichts, ich muss von diesem Bett aufstehen und hinausgehen in die Welt, um weiterhin einen öden Job zu machen, der mir die Mäuse beschert die mir wiederum das Leben sichern was ich nicht führen will.

Muss ich das? Wird man wirklich gezwungen genau das zu tun, oder erlegt man sich diese Zwänge selbst auf? Was passiert wenn ich dieses Verhaltensmuster beende? Normalerweise denkt man, dass dann unweigerlich der Abstieg folgt. Aber ist das wirklich so? Was habe ich eigentlich zu verlieren? Mein Leben, ein Leben das ich nicht führen will?

Sie müssen mutig sein und etwas wagen, sie müssen mutig sein und sich der Welt zeigen. Psychologengequatsche, auswendig gelernte Floskeln die dich himmelhoch jauchzend in den Tag entlassen. Aber dann tust du es und dein Lächeln hat ein Ende. Denn die Welt sieht ganz galant über dich hinweg.

Ich komme mir vor wie ein Zwerg, der von den Alpen bis zum Mittelmeer wandern will, weil er Wasser und Sonne so sehr liebt. Er hat sich mit etwas Zauber extra große Füße wachsen lassen, damit er schneller voran kommt, doch mit jedem Schritt den er tut verliert er sein Ziel mehr und mehr aus den Augen.

Pause weil ich heulen muss!

Wie zum Teufel schaffe ich es das unwandelbare Gleichmaß der Dinge um zukehren?

Krach, verdammter Mist, irgendwer hat mein Heiligtum gerammt, meine goldene Schale in der ich eben noch zur Arbeit gefahren bin und in der ich über die Probleme meines Lebens sinniert habe.

Etienne Angues-Mortes, mir war nicht klar, dass man es nach den Strapazen einer Geburt noch fertig bringen konnte solch einen Namen zu kreieren. Allerdings gab es da doch einen Makel, der gute Etienne konnte nicht Auto fahren und hatte es eben in Vollendung dieses Sachverhalts geschafft, mir eine mächtige Beule in meinen einzigen Freund zu fahren. Ich wurde wütend, eine Gefühlsregung die ich selten unter Kontrolle bekam. Skorpione lieben es zu toben und ich staunte jedes mal aufs neue, welch eine Energie bei solchen Auseinandersetzungen in mir geweckt wurde. Wenn ich es irgendwann einmal schaffen sollte die in eine Batterie zu bannen, die städtische Stromversorgung könnte mir den Buckel runter rutschen.

Etienne schlich schon zum dritten mal um meinen mir immer so wortlos zuhörenden und nun völlig ruinierten Freund herum, er rieb sich dabei das Kinn, als könne er ihn mit dieser Geste wieder zum Leben erwecken. Irgendwann sah er mich mit hilflosem und zugleich schuldbewusstem Blick an.

Oh nein. Was war das? Meine Wut verflog binnen Sekunden und seine Augen bohrten sich einen Weg durch meine gut geschützte Mauer. Das war nicht fair, schon wieder so ein Seitenhieb des Lebens. Wieso konnte mir nicht ein schrulliger alter aber reicher Opi hinten drauf fahren. Stattdessen erwischte ich den wieder geborenen Adonis. Ich blickte rasch zu Boden, als hoffte ich da etwas zu finden, was mir aus der Klemme half. Es gab nichts außer Asphalt und ein paar Granulat Steinchen vom letzten Winter.

Er griff nach seinem Ausweis, den ich immer noch zwischen meinen Fingern erwärmte. Kurz streifte er dabei meine Hand. Mich schauderte , mein Verstand brüllte mich an, ich solle ihn gefälligst ansehen, ich konnte nicht, denn wenn ich das tat, dann passierte etwas Schreckliches, das Schrecklichste überhaupt, ich würde die Kontrolle verlieren, nein, nein, nein, ich hatte noch nie die Kontrolle verloren, also weiter auf den Boden starren bis sich etwas Sinnvolles ergab. Wieso bitte rebellierte mein ganzer Körper, mein Herz hüpfte herum als wolle es die Birnen über mir im Baum ernten, meine Beine fühlten sich schlimmer an als neulich Nacht, nach den drei Sex on the beach. Ich an Verstand, was ist jetzt, bekomme ich mal eine Erklärung, du weißt doch sonst immer alles. Stille.

Etienne starrte mich an, ich spüre so etwas, schließlich brach er das Schweigen, lud mich sozusagen als Entschädigung in ein kleines Café ein. Das ging auf gar keinen Fall, womöglich saßen wir uns noch gegenüber. Was mache ich hier, ich beende das jetzt, er soll mir seine Daten geben für die Versicherung und einfach verschwinden. Ich musste lachen, hatte ich mir nicht vorhin gerade einen Mann gewünscht, aber bitte, doch nicht so. Ich sah ganz kurz hoch und klärte ihn mit sich überschlagenden Worten auf, dass ich auf dem Weg zur Arbeit sei, folglich gar keine Zeit hätte mit ihm Kaffee zu trinken.

Wir könnten auch Wein trinken, antwortete er lächelnd. Erschrocken bemerkte ich, dass ich vergessen hatte zurück auf den Boden zu starren und sich dadurch mein Beine jetzt an fühlten wie nach einer ganzen Flasche Wein und den drei Sex on the beach. Zu allem Übel meldete sich auch noch mein Pflichtbewusstsein, es warf alle Werte in die Waagschale die es zu bieten hatte, Werte, die ich mir krampfhaft zu erhalten versuchte. Wieder so ein Wegkreuz, warum versuche ich zu erhalten was ich gar nicht mag? Neue Seite der Gebrauchsanweisung für mein Leben, ich mache es heute mal anders, ich gehe jetzt neben diesem Mann her, ins nächste Café und trinke mir Mut an, danach werde ich es schaffen ihn wenigstens ab und zu anzusehen. Fantastisch, mein Herz kam nun auch an die höchsten Birnen heran, meine Beine aber taten wozu sie bisher immer da gewesen waren, sie liefen.

Mein ramponierter vierrädriger Freund verstand meine Beweggründe und entließ mich in der Hoffnung mein ewiges Psychogesülze irgendwann überstanden zu haben. Womöglich gefiel ihm die Gesellschaft eines leicht angekratzten schwarzen Jaguars.

Etienne suchte uns einen romantisch gelegenen Tisch mit Blick auf den Kanal aus und ich fand mich sogleich umrankt von Rosen in einem gemütlichen Korbsessel wieder, natürlich ihm gegenüber. Wie selbstverständlich bestellte er Kaffee für uns, um diese mittägliche Uhrzeit wohl eine weiße Entscheidung, trotzdem hätte er mich ja mal fragen können. Normalerweise würde ich ob dieser Machtübernahme jetzt auf die Barrikaden gehe, doch in mir regte sich nur mein Magen, irgendwann in der letzten halben Stunde musste ich hunderte Schmetterlinge verschluckt haben. Ich hielt mich an meinem Becher fest und überlegte, wie es mir gelingen könnte einen brauchbaren Satz zustande zu bekommen und welche Botschaft dieser denn überhaupt übermitteln sollte. Selbst mir war es nicht verborgen geblieben, dass in mir eine ganz klare chemische Reaktion ab lief, romantisch ausgedrückt, ich hatte mich verknallt, in Adonis höchst persönlich. Bei dieser Erkenntnis kamen mir die Pralinen von gestern Nacht in den Sinn, mein Sport verachtender Körper, mit seinen Rundungen, die mich bisher nie gestört hatten. Himmel, was hatte ich eigentlich für Unterwäsche angezogen?

Unterdessen redete Etienne in einem Fort, ich beobachtete ihn, begann ihm zu lauschen, seine Worte zogen mich genauso in seinen Bann wie seine Augen, seltsam. Er hatte seine eigenen Vorstellungen vom Leben und je mehr er erzählte umso besser gefielen sie mir. In mir war ein schmelzender heißer Fluss, der alle Bedenken in sich aufsaugte. Es wurde später und später, der Übergang von Kaffee zu Wein war fließend gewesen, ich aß Pizza, keine Ahnung wer die an unseren Tisch gebracht hatte und am Ende war es mir egal ob es nur für eine Nacht oder ein ganzes Leben halten würde, ich musste es einfach wagen. Der Wein pulsierte in meinen Adern, er hatte der Angst die Zügel angelegt, ein kurzes Aufflammen meines Verstandes, er fragte ganz erstaunt wer ich denn sei? Woher zum Teufel sollte ich dass denn wissen. Wir verließen das Lokal, Etienne hielt mich im Arm, ich schmiegte mich an ihn, ein gigantisch großer Schatz kam mir in den Sinn, zu dir oder zu mir, fragte er lächelnd. Zu dir antwortete ich.

Was war eigentlich geschehen, vor Stunden hatte ich noch auf meinem Bett gelegen und versucht das Leben zu verstehen und jetzt liebte ich plötzlich Rücksitze von schwarzen Limousinen?

Als sich der erste Silberstreif des Morgens am Horizont zeigte, hatte ich eine Antwort auf meine Fragen.

©Tina Degenkolb 2012

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